Start News Wackelt der Euro?

Wackelt der Euro?

27
Wochenkommentar von Martin Hüfner über den Handel in der Eurozone
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Euroland steht durch die Probleme Grie­chenlands und anderer Länder mit hohen öffentlichen Defiziten vor einer schwierigen Phase. Trotzdem wird die Europäische Zentralbank die Exit-Strategie früher und konsequenter einleiten als andere Notenbanken. Der Euro kann schwächer werden, wird aber nicht auseinanderbrechen.

Ein Schweizer Kollege stellte mir dieser Tage die Frage, ob die Europäische Zentralbank angesichts der Proble­me zuerst in Griechenland, jetzt aber auch in Spanien wirklich wirksam auf die Geldbremse treten könne. Wür­de sie nicht ein Auseinanderbrechen des Euros riskie­ren? Diese Länder wollten kaum eine strengere Geld­po­litik. Selbst in Deutschland nehme die Bereitschaft da­zu ab. Wir wissen, dass Schweizer das Gras immer etwas früher wachsen hören. Sind solche Zweifel berechtigt?

Richtig ist, dass die Probleme durch die nachlassende Schuldnerbonität einiger Länder der Eurozone ernst zu nehmen sind. Es geht hier nicht nur um die ausufernden öffentlichen Defizite. Auch beim Wirtschaftswachstum, der Arbeitslosigkeit und den Fehlbeträgen der Leistungs­bilanz stehen diese Staaten schlechter da. Sie lei­den nicht allein unter der Wirtschafts- und Finanzkrise. Bei ihnen hatten sich auch schon vorher strukturelle Un­gleichgewichte aufgebaut, die nur langfristig und nur durch eine schmerzhafte Anpassung beseitigt werden können. Diesen Ländern stehen sicher zehn magere Jahre bevor (wie Deutschland von 1995 bis 2005). Dass die Begeisterung für eine geldpolitische Restriktion unter diesen Umständen nicht groß ist, ist verständlich.

Richtig ist auch, dass der „Bailout“ eines Landes in Eu­roland juristisch ausgeschlossen ist. Kein Investor kann darauf bauen, dass Griechenland oder anderen Staaten im Ernstfall durch andere Partner geholfen wird. Freilich sind die legalen Vorschriften und die politische Realität etwas anderes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gemeinschaft, wenn es hart auf hart geht, eines ihrer Mit­glieder wirklich hängen lassen würde. Freilich würde man Hilfen an strenge Bedingungen knüpfen.

Richtig ist schließlich, dass die Attraktivität und Hand­lungsfähigkeit Europas zuletzt abgenommen hat. Das „i-Tüpfelchen“ kam mit dem Inkrafttreten des Lis­sabon-Vertrages am 1. Dezember. Statt einen neuen Präsiden­ten zu wählen, der Europa ein Gesicht und der Gemein­schaft eine Stimme auf internationaler Ebene ge­ben würde, entschieden sich die Regierungen für ein­en Kompromiss. Europa ist nicht auf dem Weg zu einer kräftigen und selbstbewussten Gemeinschaft. Es wird eher eine intergouvernementale Organisation zur Er­leichterung der Zusammenarbeit der Regierungen. Das ist nicht der Boden, auf dem eine starke Währung wächst. Es ist auch nicht der Kitt, der eine Währungs­union zusammenhält.

Daraus aber zu folgern, dass die Europäische Zentral­bank (EZB) ihren geldpolitischen Auftrag nicht konse­quent verfolgen würde, oder dass gar der Euro am Ende sein könnte, geht jedoch zu weit. Auch in den USA gab und gibt es Schwierigkeiten bei einzelnen Staaten. 1975 stand New York kurz vor dem Bankrott. In diesem Jahr war es Kalifornien (für sich gesehen eine der größten Volkswirt­schaften der Welt). Niemand hat aber Angst, dass des­halb der Dollar am Ende sein könnte.

Zudem: Die Europäische Zentralbank ist durch die Krise in keiner Weise angeschlagen. Sie ist im Gegenteil selbstbewusst wie eh und je. Unter den großen Noten­banken der Welt ist sie bisher die erste, die den Mut hat, mit dem Exit aus der lockeren Geldpolitik ernst zu ma­chen. Letzte Woche beschloss sie den Stopp für einjäh­rige Repo-Geschäfte. In Japan wird dagegen noch mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt. Die Federal Reserve kauft weiterhin in großem Stil Bonds auf dem offenen Markt an.

Die Beschlüsse zum Exit wurden in der EZB zwar nicht einstimmig gefasst. Es gab aber keine größere öffent­li­che Opposition. Ausgerechnet der Italiener Lorenzo Bini Smaghi – er sitzt im Direktorium der EZB – hat das Vor­gehen der Bank explizit verteidigt.

Die EZB hat ein außergewöhnliches Standing in der Po­litik und eine hohe Reputation auf den Märkten. In der Finanzkrise hat sie eine bessere Figur gemacht als die amerikanische Zentralbank. Ihre Unabhängigkeit ist fest etabliert. In ihren Gremien sitzen keine Kompromisskan­didaten. Ihr Präsident, der Franzose Trichet, hat sich ge­gen die Kritik des französischen Staatspräsidenten Sar­kozy durchgesetzt. Die Klagen über zu hohe Preis­stei­gerungen, die es in der Anfangszeit des Euro gab, sind weniger geworden. All das sind wichtige institutionelle Vorzüge, die den Euro zusammenhalten. Die Menschen kritisieren Europa, aber nicht – jedenfalls nicht mehr – den Euro.

Die Zinsdifferenzen zwischen den Staatsanleihen der einzelnen Mitgliedsstaaten sind zwar gestiegen. Sie be­finden sich aber – ausgenommen vielleicht Griechenland – keineswegs auf Krisenniveau. Griechische Staatsan­leihen rentieren derzeit bei 10-jähriger Laufzeit mit 5,5 %. Italien muss 3,98 % Zinsen für seine Anleihen be­zahlen, Spanien 3,77 %.

Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Spekulation gegen einzelne Mitglieder der Eurozone oder auf ein Auseinan­derfallen des Euro. Der Euro hat sich trotz der aktu­ellen Schwäche seit Jahresbeginn gegenüber dem Dol­lar um 6 % aufgewertet. Es ist also viel Geld in den Euro ge­flossen. Das sieht nicht nach einer Währung aus, die bald auseinanderbricht.

Und wenn alle Stricke reißen und ein Land in seiner Not aus dem Euro ausscheiden würde? Das wäre kurzfristig natürlich ein GAU. Langfristig würde es den Euro aber nicht kaputt machen, sondern könnte ihn im Gegenteil sogar stärken. Jeder sähe aber zunächst das Horror­szenario: Die Wäh­rung des ausscheidenden Landes würde stark abwerten. Die Importpreise und dann auch die Inflation würden nach oben schnellen. Die Zinsen gingen hoch. Die Staatsverschuldung stiege an. Das Wachstum wür­de sich verlangsamen, die Arbeitslosig­keit zunehmen. Spä­testens nach sechs Monaten würde das Land wieder darüber nachdenken, in die Gemein­schaft des Euro zu­rückzukehren. Und die, die im Euro verblieben sind, wür­den alles tun, damit ihnen ein sol­ches Schicksal erspart bliebe.

Für den Anleger

Der Euro kann auf den Devisenmärkten zunächst noch etwas schwächer werden. Er wird aber nicht auseinan­derbrechen. Längerfristig wird er auch wieder aufwerten. Der geldpolitische Kurs wird fortgesetzt. Richten Sie sich darauf ein, dass die kurzfristigen Zinsen in Europa im Laufe des kommenden Jahres langsam, aber früher als in anderen Regionen, ansteigen. Aktien- und Bond-Märkte werden darauf – nach anfänglicher Unsicherheit – positiv reagieren. Denn die Geldpolitik macht deutlich, dass sie die Liquidität trotz aller Probleme konsequenter eingesammelt und Inflation frühzeitiger bekämpft.

Dr. Hüfner ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management und berichtet im EXtra-Magazin über aktuelle Konjunkturthemen.