Start News Zeit für einen Kurswechsel der Geldpolitik

Zeit für einen Kurswechsel der Geldpolitik

26
Dr. Martin Hüfner

Die Notenbanken der Welt sind im Augenblick entspannt. Die in den letzten Monaten ergriffenen Maßnahmen haben Erfolg. Sie stützen die Konjunktur und stabilisieren die Finanzmärkte. Andererseits sind Inflationsgefahren noch nicht am Horizont erkennbar. Aber ist die Welt wirklich so heil? Darf man dem Frieden trauen?

Nach dem traditionellen Verständnis von Geldpolitik sicher ja. Denn die Hauptaufgabe der Notenbanken ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Solange es keine Indizien für einen stärkeren Anstieg der Verbraucherpreise gibt, muss die Geldpolitik auch nicht aktiv werden. Derzeit ist das tatsächlich der Fall. Die Verbraucherpreise liegen beispielsweise in der Eurozone bei -0,7 %. Zwar weiß jeder, dass das nicht so bleiben wird. Ab September/Oktober werden die Raten wieder ins Positive drehen. Aber angesichts der schwachen Konjunktur und der hohen Unterauslastung der Kapazitäten der Unternehmen ist nicht zu erwarten, dass sich das Bild in absehbarer Zeit grundlegend ändern wird.

Das ist aber nur das traditionelle Verständnis. Aus der letzten Krise haben wir gelernt, dass es für Notenbanken nicht reicht, nur auf die an den Verbraucherpreisen gemessene Infl ation zu schauen. Sie müssen ihren Blick vielmehr auch auf die generelle Liquiditätssituation, vor allem auch auf die Preise der Vermögensgüter richten. Hier können sich Ungleichgewichte aufbauen, die später zu erheblichen Problemen führen können. Derzeit ist genau das der Fall.

Die Aktienkurse haben sich seit dem Tiefpunkt im März deutlich erhöht. Sie gehen so schnell nach oben, wie sie vorher gefallen sind. Das ist zwar erfreulich für den Aktionär. Es geht aber zu rasch. Jeder weiß, dass der Konjunkturaufschwung noch nicht in trockenen Tüchern ist. So wie sich die Kurse vorher nach unten von den Fundamentaldaten abgesetzt hatten, tun sie das jetzt nach oben.

Auf den Bondsmärkten ist es nicht ganz so krass. Aber auch hier sind bei Unternehmensanleihen erste Zeichen einer Überhitzung erkennbar. Die Emissionen waren teilweise mehrfach überzeichnet. Anleger waren wie zu Zeiten der „New Economy“ auf schnelle Kursgewinne aus. Es ist zu vermuten, dass es zu Kursverlusten kommt, wenn das Gefühl für die Risiken bei einem Anstieg der Insolvenzen wieder zunimmt.

Auf den Devisenmärkten kommt es, wie vor der Finanzkrise, wieder zu Carry Trades. Hedgefonds verschulden sich in Niedrigzinswährungen und legen das Geld in höher verzinslichen Währungen an. Diesmal sind es nicht so sehr der japanische Yen und der Schweizer Franken, die als Verschuldungswährungen dienen, sondern der amerikanische Dollar. Anlagewährungen sind wie vorher der australische oder der neuseeländische Dollar, die sich in den letzten Monaten kräftig aufgewertet haben.

All das sind letztlich Ausprägungen des gleichen Phänomens: Es gibt zu viel Liquidität auf den Märkten. Diese Liquidität wird aus Risikogründen nicht für eine vermehrte Kreditgewährung an Unternehmen und private Haushalte verwandt. Sie sucht vielmehr nach Anlagemöglichkeiten auf den Finanzmärkten. Da die Zinsen zu niedrig sind, gehen die Investoren höhere Risiken ein, um auf diese Weise wenigstens noch etwas Rendite zu erzielen.

Die Geldpolitik steht also zwischen Baum und Borke. Auf der einen Seite gibt es noch keine Infl ationsgefahren und die Notenbanken dürfen weder die Konjunktur gefährden noch die Banken in neue Schwierigkeiten bringen. Auf der anderen Seite können sie die Ungleichgewichte bei den Vermögensgütern und die steigende Risikobereitschaft auf den Finanzmärkten nicht ignorieren. Sie müssen zudem den Ängsten der Bürger vor einer stärkeren Infl ation Rechnung tragen. Ich vermute, dass sie dazu führen wird, dass die Notenbankpolitik noch in diesem Jahr auf einen restriktiveren Kurs umschaltet. Je früher man damit anfängt, umso weniger radikal muss ein solcher Kurswechsel sein. Umso geringer sind auch die Gefahren für die Konjunktur und die Stabilität der Finanzmärkte.

TEILEN
Vorheriger ArtikelLustloser ETF-Handel
Nächster ArtikelWir sehen Nachfrage nach Strategie-ETFs
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.