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Zerschlagung der Universalbanken?

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Die Diskussion über die Lehren aus der Finanzkrise nimmt eine neue Wendung. Es geht jetzt nicht mehr nur noch um einzelne Regulierungen und neue Steuern. Die Struktur des Bankensystems steht zur Disposition. Schon seit einiger Zeit wurde von Experten darüber dis­kutiert. Allen war klar, dass etwas passieren musste. Jetzt scheint es ernst zu werden. Der Anstoß kam von den Vorschlägen, die der amerikanische Präsident – auf Empfehlung des legendären Notenbankers Paul Volcker – in der letzten Woche dazu vorgelegt hat. Öf­fentlichkeit und Börsen haben darauf heftig reagiert. Das zeigt, dass die USA hier in ein Wespennest gestochen haben.

Bei den Vorschlägen zur Reform der Bankenstruktur geht es im Augenblick um zwei Dinge: Beschränkung des Eigenhandels und Begrenzung der Größe der Fi­nanzhäuser. In Zukunft werden noch weitere Fragen da­zukommen, zum Beispiel das Geschäftsmodell der Ban­ken, die Eigentumsverhältnisse (öffentlich oder privat) oder auch die regionale Expansion.

Es wäre ein Fehler, die Universalbanken zu zerschlagen. Das System hat unbestreitbare Vorteile.

Obamas Ideen dazu laufen derzeit auf eine Wiederbe­lebung des alten Glass Steagall Act von 1935 hinaus. Das Bankgeschäft wird in einen Geschäftsbanken- und einen Investmentbankensektor aufgeteilt. Geschäftsban­ken sind die „Guten“. Sie beschränken sich allein auf das Kundengeschäft. Sie spekulieren nicht, betreiben also keinen Handel mit Wertpapieren auf eigene Rech­nung. Sie beteiligen sich nicht an Hedge-Fonds oder Pri­vate Equity Fonds. Investmentbanken sind dagegen die „bösen Buben“. Sie dürfen spekulieren. Sie dürfen dafür aber keine Einlagen von Kunden annehmen, haben kei­nen direkten Zugang zur Notenbank und können im Fal­le von Krisen auch nicht auf Hilfen des Steuerzahlers hoffen. Die Einführung eines solchen Trennsystems würde erfordern, dass große Häuser wie Bank of America, Citigroup oder JPMorgan Chase entflochten und damit insgesamt kleiner werden.

Eine solche Trennung in „Gute und Böse“ ist populär. Sie kann sich auf eine lange Geschichte stützen. Zäh­men tut sie die Märkte aber nicht. Die Finanzkrise ist nicht dadurch entstanden, dass die Banken Geschäfts- und Investmentbanking unter einem Dach betrieben. Eher das Gegenteil ist der Fall. In den USA hat nach der Pleite von Lehman Brothers sehr zur Beruhigung der Si­tuation beigetragen, dass die Bank of America – eine Geschäftsbank – die in Schwierigkeiten geratene Invest­mentbank Merrill Lynch übernahm. So etwas wäre unter dem neuen Modell Obamas nicht möglich gewe­sen.

Die Zusammenfassung von Geschäftsbank- und Invest­mentbank-Aktivitäten in einer Universalbank macht den Finanzsektor generell weniger krisenanfällig. Die Ertragsentwicklung wird vor allem unabhängiger von zykli­schen Entwicklungen. In der Rezession beispielsweise leidet das Kreditgeschäft, weil sich die Bonität der Unter­nehmen verschlechtert. Gleichzeitig erholen sich aber die Kapitalmärkte, sodass im Investmentbanking mehr zu verdienen ist. Umgekehrt in guten Konjunkturzeiten. Dann läuft es zwar häufig an den Kapitalmärkten nicht mehr so geschmeidig. Aber die Geschäftsbank-Aktivi­täten helfen mit besseren Erträgen.

Vorteile gibt es auch für die Bankkunden. Wenn die Ban­ken nicht nur vom Kredit- und Einlagengeschäft abhän­gig sind, sondern weitere Ertragsquellen haben, können die Margen niedriger sein. Das verbilligt die Refinanzie­rung der Unternehmen und verbessert ihre Wettbe­werbsfähigkeit. Auch Privatkunden profitieren.

Universalbanken sind erfahrungsgemäß nicht so aggres­siv im Eigenhandel. Weil sie von Kundeneinlagen ab­hängig sind, können sie es sich nicht leisten, große Be­träge nur auf eine Karte zu setzen. Sie haben zwar ins­gesamt nicht so hohe Eigenhandelserträge, dafür aber auch weniger Risiken.

Wenn jetzt so viel über internationale Koordinierung der Reformen geredet wird: Die letzten Jahrzehnte haben ge­zeigt, dass im globalen Wettbewerb unterschiedliche Bankensysteme ohne Verzerrungen nebeneinander be­stehen können. Die Tatsache, dass die USA zum euro­päischen Modell der Universalbank übergingen, hängt nicht damit zusammen, dass sie einheitliche Wett­be­werbsbedingungen haben wollten. Entscheidend war, dass sie das Universalbankensystem für besser hielten.

Insgesamt ist das Universalbanksystem aus meiner Sicht die bessere Lösung. Es ist dem Trennbanksystem überlegen. Obamas Ansatz hilft nicht weiter. Das heißt aber nicht, dass alles beim alten bleiben sollte. Man muss die Probleme nur anders angehen.

Richtig wäre aber eine noch stärkere Unter­legung des Eigenhandels der Banken mit Ei­genkapital und eine Neutralisierung der Ska­lenerträge bei größeren Banken.

Den Eigenhandel der Banken sollte man nicht gänzlich verbieten oder ihn quantitativ begrenzen. Eigenhandel wird gebraucht. Er hält die Finanzmärkte liquide, ver­rin­gert die Marktschwankungen und wirkt insgesamt sta­bi­lisierend. Er darf nur nicht dazu führen, dass bei Fehl­spekulationen die Existenz der gesamten Bank aufs Spiel gesetzt wird. Es wäre daher richtig, den Eigenhan­del noch stärker mit Eigenkapital zu unterlegen. Dann könnten die Banken leichter aus eigener Kraft etwaige Schieflagen auffangen. Der Steuerzahler wird nicht so schnell gefordert.

Die Größe der Banken ist ein Thema. Je größer das Haus, umso größer das systemische Risiko, also der Zwang, es in einer Krise vor der Insolvenz zu retten. Das passt nicht in eine Wettbewerbswirtschaft. Unternehmen müssen nicht nur Gewinne machen können, sie müssen auch pleitegehen können. Also nur noch kleinere Ban­ken? Sicher nicht. Die globale Wirtschaft kann heute nicht von kleinen Sparkassen finanziert werden. Große Institute werden gebraucht. Statt an eine Entflechtung zu denken, sollte man die ökonomischen Anreize verän­dern. Man könnte zum Beispiel die Eigenkapitalanforde­rungen mit steigender Größe des Instituts erhöhen. Das wäre ein Gegengewicht zu den positiven Skalenerträgen und nimmt großen Instituten ihren Wettbewerbsvorteil. Damit würden auch die Systemrisiken verringert.

Für den Anleger

Die Befürchtungen der Märkte hinsichtlich einer Reform der Bankenstruktur gehen im Augenblick zu weit. Ich glaube nicht, dass die Zerschlagung der Universalban­ken in den USA tatsächlich umgesetzt wird. Die Lobby der Wall Street wird so etwas verhindern. Die besseren Argumente sind auf Seiten der Universalbank. Die Dis­kussion wird aber noch eine Weile anhalten. Sie wird am Ende zu Lösungen führen, die für die Aktionäre nicht un­bedingt positiv sind. Das beeinträchtigt die Aktienmärkte insgesamt, vor allem aber den Bankensektor.

Dr. Martin W. Hüfner beleuchtet und kommentiert im EXtra-Magazin die konjunkturelle Entwicklung. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assenagon Chefvolkswirt der HypoVereinsbank.

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